JVA Sehnde besucht: Austausch über Suchterkrankungen, Arbeitsangebote und die Vorbereitung auf ein Leben nach der Haft
Ein Gespräch an der Küchentür, eine Nachfrage beim Gang über die Station, ein offenes Ohr für persönliche Sorgen: Was zunächst unspektakulär klingt, gehört in einer Justizvollzugsanstalt zur täglichen Sicherheitsarbeit. Wer mit den Gefangenen im Austausch bleibt, bemerkt eher, wenn die Stimmung kippt oder sich Konflikte anbahnen. Wie wichtig dieser Kontakt ist und was ihn im Alltag erschwert, erfuhr die SPD-Landtagsabgeordnete Dr. Silke Lesemann bei ihrem Besuch in der JVA Sehnde. Im Gespräch mit Anstaltsleiterin Simona Walter und Vertreterinnen und Vertretern des Verbandes Niedersächsischer Strafvollzugsbediensteter (VNSB) ging es um synthetische Drogen, geeignete Arbeitsangebote und die Frage, wie Resozialisierung unter zunehmend anspruchsvollen Bedingungen gelingen kann.
Die für Laatzen, Pattensen und Sehnde zuständige Abgeordnete kennt die Anstalt seit ihrer Entstehung. Bei dem Austausch und einem anschließenden Rundgang erhielt sie Einblicke in die heutigen Herausforderungen des Vollzugs. Eveline Makrai, stellvertretende Landesvorsitzende des VNSB, erläuterte, warum der Verband gezielt das Gespräch mit der Politik sucht: „Wenn ich etwas nicht kenne oder mir darunter nicht viel vorstellen kann, tue ich mich schwer, darüber mitzuentscheiden.“ Der Besuch solle deshalb Gelegenheit bieten, die Arbeit hinter den Mauern und die Erfahrungen der Beschäftigten unmittelbar kennenzulernen.
Eine der großen Herausforderungen schilderte Jacek Szymanski, Vorstandsmitglied im VNSB und seit 26 Jahren im Strafvollzug tätig. Er arbeitet heute in der Suchtberatung der JVA Sehnde. Synthetische Substanzen, wechselnde Zusammensetzungen und schwer erkennbare Schmuggelwege erschwerten die Arbeit erheblich. Mit Wirkstoffen getränktes Papier sei beispielsweise kaum von unauffälligen Blättern zu unterscheiden. Kontrollen und das Kopieren eingehender Post verursachten zusätzlichen Aufwand. Zugleich berichteten die Beschäftigten von medizinischen Notfällen nach dem Konsum.
Szymanski machte deutlich, dass die Suchtberatung auch nach den Gründen für den Drogenkonsum fragen müsse. Manche Gefangene versuchten, Ängste, Langeweile oder den psychischen Druck der Haft zu verdrängen. Ihnen andere Möglichkeiten aufzuzeigen, mit ihrer Situation umzugehen, sei ein wichtiger Teil der Arbeit.
Auch technisch reagiert die Anstalt auf die Herausforderungen. Walter berichtete vom schrittweisen Austausch des veralteten Kamerasystems, der die Überwachung des Außenbereichs insbesondere bei Dunkelheit verbessern soll. Denn neben anderen Schmuggelwegen beschäftigten auch Drohnen die Anstalt. Die Gesprächspartner beschrieben einen fortlaufenden Prozess: Würden Zugangswege erschwert, entstünden neue Versuche, verbotene Gegenstände oder Substanzen einzubringen.
Für Walter führt die Frage nach Sicherheit deshalb unmittelbar zu den Beschäftigungsmöglichkeiten der Gefangenen. Nicht allen könne die Anstalt derzeit einen geeigneten Arbeitsplatz anbieten. Zwar gebe es unterschiedliche Betriebe, darunter eine Schlosserei. Doch nicht jede Tätigkeit passe zu den gesundheitlichen und persönlichen Voraussetzungen der Inhaftierten. Wer bestimmte Einschränkungen mitbringe, könne nicht ohne Weiteres an Maschinen arbeiten.
Die Wäscherei biete dagegen Tätigkeiten, die vergleichsweise schnell erlernbar seien. Eine bereits früher geplante Erweiterung könnte dort zusätzliche Möglichkeiten schaffen. Walter setzt sich beim Justizministerium dafür ein, dass das benötigte Gebäude finanziert wird. Damit ließen sich die räumlichen Abläufe verbessern und weitere Gefangene beschäftigen.
„Arbeit ist unheimlich wichtig für den Sozialkontakt“, betonte die Anstaltsleiterin. Morgens aufzustehen, einen geregelten Tagesablauf zu haben, Geld zu verdienen und die eigenen Fähigkeiten zu erleben, könne viel bewirken. Fehlten solche Möglichkeiten, verstärkten sich dagegen Frust und Spannungen – mit Folgen auch für die Beschäftigten.
Makrai beschrieb, wie sehr der Alltag vom persönlichen Kontakt abhängt. „Wenn ich mehr Kontakt zu den Gefangenen habe, bekomme ich auch die Stimmung auf dem Flur besser mit.“ Schon bei einem kurzen Austausch über das Essen könne man wahrnehmen, was im Hintergrund geschehe. Solche Begegnungen schafften Vertrauen und ermöglichten es, Entwicklungen frühzeitig einzuschätzen.
Gleichzeitig werde die Kommunikation anspruchsvoller. Unterschiedliche Sprachen, psychische Erkrankungen und individuelle Belastungen erforderten Aufmerksamkeit und Zeit. Sprachkundige Kolleginnen und Kollegen sowie Videodolmetschangebote könnten unterstützen, seien aber nicht jederzeit unmittelbar verfügbar. Missverständnisse könnten Situationen zusätzlich verschärfen. „Wie möchte ich jemandem zeigen, dass er mit einer vernünftigen Kommunikation und einer freundlichen Art weiterkommt, wenn ich selbst die ganze Zeit nur gestresst bin?“, fragte Makrai. Wenn Beschäftigte Anliegen immer wieder auf später verschieben müssten, erschwere das genau jene Beziehungsarbeit, die der Vollzug brauche.
Damit rückte auch die Personalsituation in den Mittelpunkt. Laut Makrai ergab eine externe Personalbedarfsanalyse für Sehnde einen zusätzlichen Bedarf von rund 50 Stellen über verschiedene Berufsgruppen hinweg. Fehlendes Personal wirke sich auf die Betreuung, die Möglichkeiten zum Abbau von Überstunden und die Teilnahme an notwendigen Fortbildungen aus. „Wir brauchen mehr Leute, um auch vor Ort zu sein“, sagte Makrai. Eine verlässliche Besetzung gebe den Beschäftigten Handlungssicherheit und schaffe zugleich mehr Möglichkeiten, auf die Gefangenen einzugehen. Szymanski ergänzte, dass neben der Nachwuchsgewinnung auch die Bindung erfahrener Kräfte Aufmerksamkeit brauche. Entwicklungsmöglichkeiten, Beförderungschancen und Anerkennung seien für diejenigen wichtig, die seit vielen Jahren im Dienst stünden. „Wenn ich hier vernünftige Arbeit machen will, brauche ich gutes, motiviertes Personal, aber auch genügend Personal, um überhaupt den gesetzlichen Auftrag auszufüllen.“
Dieser Auftrag prägte auch die Diskussion über Vollzugslockerungen. Walter erläuterte, dass Gefangene nachvollziehbare Ziele und Anreize benötigten, um an sich zu arbeiten und Behandlungsangebote anzunehmen. Wer erkenne, dass eigenes Verhalten und persönliche Fortschritte berücksichtigt würden, sei eher bereit, daran mitzuwirken. Lockerungen müssten sorgfältig geprüft werden und dienten der Vorbereitung auf die Entlassung. „Wir müssen die Leute resozialisieren“, betonte Walter. Dazu gehöre, Entwicklung zu ermöglichen und begründete Entscheidungen zu treffen. Einzelne öffentlich diskutierte Vorfälle könnten dabei leicht den Blick darauf verstellen, wie viele Maßnahmen ohne Probleme verliefen.
Beim Rundgang durch Besuchs-, Haft- und Sportbereiche wurde anschaulich, wie vielfältig die Aufgaben der Beschäftigten sind. Familienkontakte zu ermöglichen, Freizeit sinnvoll zu gestalten, Konflikte zu bewältigen und Menschen an regelmäßige Arbeit heranzuführen, gehört ebenso dazu wie Kontrolle und Sicherung.
Lesemann erkundigte sich nach Unterstützungsmöglichkeiten für die Beschäftigten und den Konsequenzen für die Landespolitik. „Was sind Ihre größten Herausforderungen als Beschäftigte im Vollzug?“, fragte sie im Gespräch. Die Antworten will sie mit den zuständigen Kollegen ihrer Landtagsfraktion besprechen. „Ich werde sie über unser Gespräch informieren“, kündigte die Abgeordnete an.