Ob in Pattensen oder anderswo, überall in Niedersachsen sollen neue Geflügelställe für die Haltung von mehreren Zehntausend Tieren errichtet werden.

Nicht erst, seit mit Astrid Grotelüschen eine Lobbyistin der Agroindustrie als Landwirtschaftsministerin auf der Regierungsbank Platz genommen hat, häuft sich die Kritik an den Bedingungen der Massentierhaltung. Aber sie erfährt seitdem eine neue Dimension, wenn Frau Grotelüschen als Verteidigerin von Lohndumping an vorderster Front kämpft und die katastrophalen Bedingungen in der Geflügelhaltung leugnet.

In der letzten Plenarsitzung hat die SPD-Landtagfraktion ein Sechs-Punkte-Papier für mehr Tierschutz in der Geflügelhaltung vorgelegt. Anlass hierfür sind die eklatanten Probleme in der Geflügelhaltung. Wer sich mit dem Thema näher befasst, muss sich mit einigen unappetitlichen Wahrheiten auseinandersetzen. Ob Puten, Legehennen oder Masthühner, überall gibt es katastrophale Missstände. Konkrete tierschutzrechtliche Vorschriften fehlen weitgehend. Erst vor wenigen Tagen offenbarte eine vom Landwirtschaftsministerium seit Monaten unter Verschluss gehaltene Studie zur Geflügelmast gravierende Verstöße gegen den Tierschutz.

Silke Lesemann: „Mit unserem Antrag fordern wir die Landesregierung auf, Farbe zu bekennen. Unser Antrag zwingt den Landtag zu einer Entscheidung.“

Nach Medienberichten kommt die Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover zu dem Ergebnis, dass die praxisübliche Haltung mit bis zu 25 Tieren pro Quadratmeter für die Masthühner eine große Qual bedeute. Dauerhaftes Stehen in verkoteter feuchter Einstreu führe zu Fußballenentzündungen bei bis zu 100 Prozent der Hühner. Auch sei die Sterberate während der Mast in der Hälfte der untersuchten Durchgänge deutlich höher als durch die EU-Tierschutzvorgaben erlaubt.

Ein weiteres Beispiel: „Normale“ Puten wiegen etwa 5 Kg, die hochgezüchtete Rasse „Big 6“ wiegt bis zu 22 Kg, es wird sogar überlegt, die Zucht auf 28 Kg hochzuschrauben. Diese Tiere neigen von vornherein zu Gesundheitsstörungen am Skelett- und Herz-Kreislaufsystem. Damit die Tiere mehr Gewinn bringen, werden sie krank gezüchtet. Fast alle Puten haben Fußballenerkrankungen, werden flächendeckend mit Antibiotika behandelt, durch die Enge werden sie zu Kannibalen und verletzen sich gegenseitig durch sog. Picken. Daher werden fast allen Küken in den Brütereien die Schnäbel gekürzt. Das kommt einer schmerzhaften Amputation gleich und darf nur mittels Ausnahmegenehmigung gemacht werden. Allein in Niedersachsen werden im Jahr über 63 Millionen (!) solcher „Ausnahmegenehmigungen“ erteilt.
Silke Lesemann: „Diese Qualzucht für den Profit ist nicht hinnehmbar.“ Dazu kommen völlig unzulängliche Haltungsbedingungen. Es gibt so gut wie keine rechtlichen Verbindlichkeiten, derzeit existiert nur eine freiwillige Vereinbarung im Sinne der Putenindustrie, wonach die Haltung von drei ausgewachsenen Puten pro Quadratmeter erlaubt ist.

Die SPD-Landtagsfraktion hat in ihrem Antrag 6 Forderungen aufgestellt, die für eine artgerechtere Tierhaltung unverzichtbar sind:

1) wir brauchen eindeutige gesetzliche Regeln

2) Qualzucht gehört verboten

3) Haltungsbedingungen sind deutlich zu verbessern und müssen wissenschaftlichen Erkenntnissen entsprechen

4) Ein niedersächsischer Tierschutz-TÜV muss (als Ergänzung zu den Kontrollen der Kreisveterinäre) jederzeit und unangemeldet Kontrollen durchführen können.

5) Die Verordnung von Antibiotika an Geflügel muss deutlich reduziert und genauer erfasst werden.

6) Tiermäster müssen durch eine Prüfung nachweisen, dass sie die notwendige Qualifikation besitzen.

Im Supermarkt sieht man dem Fleisch diese Qualen nicht an, am Preis kann man es aber erkennen. Wenn der Verbraucher ein Kilo Putenfleisch für 5,78 € kauft, bezahlt die Pute das mit lebenslangen Qualen.

Wir als Verbraucher haben es in der Hand, diese Zustände zu ändern, indem wir die Produktionsbedingungen von Billigfleisch hinterfragen. Agrarministerin Grotelüschen sieht allem Anschein nach trotz diverser Anträge, Anfragen und Aussprachen der SPD und der Grünen keinen Grund, diese Zustände zu ändern. Sie kam aus der Geflügelmastindustrie in ihr Ministeramt und ist ihre oberste Lobbyistin. Die berechtigte Frage lautet allerdings, wie lange sie sich in diesem Amt noch halten kann.