Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 18. Januar 2011
Die Kauderwelsch-Diskussion geht weiter
Hannover. Es gibt Gesprächsstoff für die nächste Kabinettssitzung: Kultusminister Bernd Althusmann hat beim Islamforum der Dr. Buhmann Stiftung am Freitagabend Migrantenfamilien pauschal dazu aufgefordert, zu Hause Deutsch zu sprechen. Althusmanns Kabinettskollegin Aygül Özkan hatte erst tags zuvor bei einem Schulbesuch betont, dass Eltern, die Deutsch nicht sehr gut beherrschen, lieber ihre Herkunftssprache mit den Kindern sprechen sollten – bevor sie dem Nachwuchs „Kauderwelsch“ beibringen. Althusmann empfahl nun: „Auch die Eltern müssen Deutsch lernen.“ Sprache sei der Schlüssel für schulische und berufliche Fortschritte, also für den Integrationserfolg vor allem der Kinder, sagte er.
Silke Lesemann, integrationspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, hat Althusmanns forschen Auftritt beim Islamforum miterlebt. Sie teilt Özkans Ansicht. „Sprache vermittelt Gefühle“, sagt sie. „Man muss sich in der Sprache wohlfühlen und kommunizieren können, was in der Familie wichtig ist.“ Werde Deutsch nicht perfekt beherrscht, sei dafür die Herkunftssprache besser geeignet. Auch Grammatik und Wortschatz würden profitieren, wenn ein Kind statt fehlerhafter deutscher die korrekte Herkunftssprache lernt. Lesemann plädiert dafür, Mehrsprachigkeit als Chance zu deuten. „Es scheint Sprachen erster und zweiter Kategorie zu geben. Es hätte niemand etwas dagegen, wenn Eltern mit ihrem Kind auf der Straße Englisch oder Französisch sprechen. Bei Türkisch ist das anders.“ Gleichwohl plädiert Lesemann wie Özkan dafür, Kinder aus Migrantenfamilien möglichst früh in den Kindergarten zu schicken, um Sprachdefizite zu vermeiden.
Darum gehe es auch dem Kultusminister, sagt sein Pressesprecher. Auch das Sozialministerium bemüht sich um Konsens. „Ich sehe keine großen Dissonanzen“, sagt ein Sprecher. Währenddessen konnte Althusmann gestern einen Durchbruch in den Verhandlungen zum islamischen Religionsunterricht verzeichnen: Die muslimischen Dachverbände Ditib und Schura haben sich nach langer Diskussion auf ein Modell geeinigt, um dem Kultusministerium einen gemeinsamen Ansprechpartner zu stellen. Nur ein solches Gremium kann mit dem Land die Lehrpläne für den Unterricht abstimmen, der ab 2012 ausgeweitet werden soll. Bisher gibt es nur einzelne Projektschulen. In Niedersachsen gibt es etwa 50.000 muslimische Schüler.